Unter der Heuristischen Evaluation versteht man eine Methode nach Jacob Nielsen, bei der mehrere Experten die Gebrauchstauglichkeit eines Produkts anhand anerkannter Usability Prinzipien (so genannte Heuristiken) untersuchen und beurteilen. Die Besonderheit bei der Heuristischen Evaluation besteht darin, dass sich jeder Evaluator für sich allein an die zu untersuchende Benutzerstelle setzt. Ziel ist es dabei, so viele Fehler wie möglich zu finden. Da jeder Evaluator andere Probleme aufdeckt, ist so die Wahrscheinlichkeit größer, alle Fehler aufzuspüren. Nach Durchführung aller Evaluationen werden die Befunde zusammengefasst. Eine heuristische Evaluation kann schon in frühen Phasen des Entwicklungsprozesses eingesetzt werden, um Probleme frühzeitig zu erkennen und zu beseitigen.
Hierbei lassen sich vier Phasen unterscheiden:
Die Ergebnisse werden entweder als geschriebene Berichte von den Evalutoren selbst oder von einem Beobachter, der während der Sitzung ein Protokoll führt, festgehalten. Dabei ist die 2. Methode zu favorisieren, da der Beobachter dem Evaluator bei Fragen und Problemen hilfreich zur Seite stehen kann und die Auswertung schneller geht, da er nur seine eigenen Aufzeichnungen verstehen muss und nicht die des Evaluators. Desweiteren wird der Evaluator entlastet.
Erweitert werden kann die Heuristische Evaluation auch folgendermaßen:
Die Evaluatoren, die Beobachter und die Entwickler-Teams setzen sich nach der letzten Evaluation zusammen und teilen sich die Ergebnisse in einer Art Brainstorming mit. Dabei können wichtige Anregungen bezüglich der Folgeversionen des untersuchten Programmes gesammelt oder auch grundlegende Probleme sowie positive Faktoren besprochen werden.
Die Heuristische Evaluation eignet sich besonders dazu, schwerwiegende und auch nicht ganz so wichtige Probleme in einem User-Interface aufzuspüren. Dabei werden die schwerwiegenden Fehler meist leichter gefunden, betrachtet man aber die Gesamtzahl der Fehler, so werden mehr unwichtige als wichtige Fehler entdeckt, was für die Qualität des Prototypen spricht.
Mögliche Evaluatoren können in vier Kategorien eingeteilt werden:
Beachtet werden sollte, dass die letzte Gruppe der Benutzer nur im Notfall herangezogen wird. Diese sind zwar mit ihrer Arbeit gut vertraut, können sich aber oft kein Bild davon machen, wie ihr Arbeitsplatz in Zukunft aussehen könnte und welche Möglichkeiten ihnen der Rechner bieten kann oder auch nicht. Stellt man den Benutzern konkrete Aufgaben und beobachtet diese dann bei der Problemlösung, kann man die Vorschläge als zusätzliche Inspiration heranziehen.
Der Erfolg einer Heuristischen Evaluation hängt vor allem von drei Punkten ab:
Im Vergleich mit Benutzungstest wird die Heuristische Evaluation angewendet, um möglichst viele "offensichtliche" Probleme aufdecken zu können. Ist das Programm dann überarbeitet, wird ein Benutzertest durchgeführt. Diese Reihenfolge wird auch deshalb oft gewählt, damit "unbedarfte" Benutzer, die oft schwer zu finden sind, nicht schon bei der Heuristischen Evaluation "verbraucht" werden.
Im Allgemeinen können bei der Heuristischen Evaluation folgende Gestaltungsprinzipien (nach Mohlich und Nielsen, 1990) herangezogen werden (dies ist nicht unbedingt notwendig, bietet unerfahrenen Evaluatoren aber ein Hilfsmittel, um eine erfolgreiche Heuristische Evaluation durchzuführen):
Eine andere Möglichkeit besteht darin, ISO-Normen als Grundlage für die Evaluation heranzuziehen. Die gängigste ist dabei die DIN EN ISO 9241-110.
Die Vorteile der Heuristischen Evaluation liegen vor allem darin, dass sie kostengünstig und zeitsparend ist. Sie liefert qualitativ hochwertige Ergebnisse in kurzer Zeit. Das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis erhält man bei drei bis fünf Evaluatoren.
Ein Nachteil besteht darin, dass die Gutachter nicht die wirklichen Nutzer sind. Sie versetzen sich zwar in die Rolle der User, es ist aber wahrscheinlich, dass die echten User auch andere als die entdeckten Probleme haben.